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Blumen für den Führer

von Jürgen Seidel
431 Seiten; 215 mm x 135 mm
2010 Cbj
ISBN 978-3-570-13874-8

17.50 EUR (inkl. USt.) 
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Besprechung
Jürgen Seidel schreibt wunderbar literarisch, ein Stil, aus dem eine Liebe zur Sprache spricht und eine Lust, aus dem reichen Fundus der Worte zu schöpfen. Süddeutscher Rundfunk

Textauszug
Hitze und Stille liegen wie staubige Tücher über allem. Jede Bewegung der drei Mädel im Hof des Pensionats erscheint zu langsam, jedes ihrer Worte klingt gedämpft. Die hölzernen Wände des Stalls und die Steine der Hausfassade werfen kaum ein Echo zurück, wenn die drei miteinander flüstern. Der heiße Wind bewegt von Zeit zu Zeit die Wipfel der Ulmen. Bussarde drehen darüber ihre Kreise, ohne einen Flügelschlag, werden kleiner, bis sie kaum mehr zu erkennen sind.<br />Die Mädchen gehören zu den Jüngsten in Haus Ulmengrund, und Geheimnisse zu haben, ist schön. Im Schatten des Laubs hocken die drei um ein Geviert aus rötlichem Ölpapier, das in ihrer Mitte auf den Steinen liegt und nicht größer ist als ein Taschentuch. Fünf Zaubertütchen aus Papier liegen darauf. Drei sind aufgeschlagen und bannen ihre Blicke.<br />Das erste Tütchen zeigt sechs winzige, bleiche Hornschnipsel. Auf dem zweiten Umschlag liegt eine Haarlocke, mit Zwirn umwunden, für alle Zeit fixiert. Im dritten offenen Briefchen liegt nur ein Häufchen Sand und Erde. Aber der Sand ist wertvoller als alle Edelsteine Afrikas.<br />Das erste Mädel sagt: »Mein Cousin hat den Sand vor einer Steintreppe in Berlin aufgewischt, an der Stelle, wo das Auto des Führers immer hält und er aussteigt.«<br /> <br />Die anderen hören mit roten Gesichtern zu. »Mein Cousin hat sich hinter einer Litfaßsäule versteckt«, erzählt das Mädel weiter, »und als der Führer oben auf der Treppe war, ist er schnell hingerannt. Diese Erde hat die Stiefelsohlen des Führers berührt!«<br />Die Mädchen fühlen einen Schauer über ihre Rücken laufen.<br />»Das Haar habe ich aus Finsterwalde mitgebracht«, berichtet das zweite Kind. »Meine Tante arbeitet dort in einer Uniformenfabrik. Sie machen auch Schirmmützen und sogar die Schirmmützen für den Führer. Ab und zu kommt er dorthin und lässt Maß nehmen, probiert neue Mützen an und lässt die getragenen liegen. Die Haare hat meine Tante mit einer Pinzette vom Stoff gelöst und gesammelt.« Das Mädchen sieht die anderen an und zeigt auf die dunkle Locke. »Das ist das Haar des Führers.«<br />Sie rufen leise Ah und Oh.<br />»Ein Schulfreund meines Onkels«, erzählt das dritte Mädel, »ist Leibdiener des Führers, wenn er mit seinem Sonderzug auf Reisen ist. Er bringt ihm Brot, Milch und Salat, und manchmal hört er ihn durch die Wand leise beten, dass es dem deutschen Volk in Zukunft besser gehen soll. Die Fingernägel lässt sich der Führer von seiner Sekretärin schneiden, die die Reste niemals auf den Boden wirft. Sie lagen auf der Untertasse, als der Leibdiener den Kaffee abräumte.« Das Mädchen schweigt einen Moment und wechselt mit den anderen Blicke. Dann sagt es: »Es sind die Fingernägel unseres Führers.«<br />Die Kinder berühren den Schmutz, die Locke und die Hornschnipsel mit ihren Fingerspitzen und schütteln sich vor Glück.<br />Das ferne Böllern eines Motorrads dringt in die Stille. Die Mädchen horchen auf.<br />»Der Brot-Korff, der Verrückte«, sagt eines.<br />Sie falten die drei offenen Tütchen zusammen und wickeln alle fünf ins Ölpapier, legen das Päckchen in eine Blechdose und tragen sie zu einer kleinen Kapelle an der Straße, wo sich ihr Versteck befindet.<br />Das Motorenknattern wird lauter. Schließlich biegt ein Gespann in den Hof und macht eine ordentliche Staubwolke. Der Lärm erstickt, der Staub verweht. Ein Mann steigt ab, zieht seine Ledermütze und grüßt. Er öffnet die schwarze Schürze des Beiwagens und winkt die Mädchen zu sich. Sie helfen ihm, ein Dutzend Brotlaibe über den Hof ins Haus zu tragen.<br />»Euch ist klar, dass ich weiß, was ihr gerade gemacht habt, bevor ich kam«, sagt der Mann.<br />»Wir haben nichts gemacht, Herr Korff.«<br />»Glaubt ihr etwa, dass ich euer Versteck nicht kenne?« Er nickt zu der Kapelle.<br />»Niemand kennt es.«<br />Korff lacht. »Die Bernsteinkapelle kennt jeder. Da solltet ihr vorsichtiger sein.«<br />Ein Mädel entgegnet: »Wer das Versteck verrät, dem wächst die Hand aus dem Grab, wenn er tot ist, oder er muss für immer durch die Welt fahren wie der Ewige Jude.«<br />»Meine Eltern sind schon lange mausetot«, sagt Korff, »und Jude bin ich auch nicht. Gott sei Dank in dieser Zeit.«<br />»Werden Sie uns denn verraten?«<br />Er schüttelt den Kopf.<br />Sie legen die Brote drinnen auf den Küchentisch und gehen wieder in den Hof hinaus. Der Mann beugt sich zu dem Beiwagen hinunter. Als er sich aufrichtet, hat er drei neue, kleine bunte Tüten in der Hand.<br />»Bourbonische Vanille!«, sagt er und reicht jedem der Mädchen eine Tüte. Sie machen artige Knickse. Jedes öffnet gleich sein Briefchen und saugt den Duft ein.<br />»Den Tüten, die ihr da habt, denen trau ich nicht so ganz, seid mir nicht böse«, erklärt er und deckt den Beiwagen wieder ab, zieht seine Lederkappe auf und steigt auf das Motorrad. »Wisst ihr nicht, dass es jedem einzelnen Haar wehtut, wenn man es abschneidet? Fingernägel bluten, auch wenn man es nicht sieht. Und Sand und Kieselsteine schreien, wenn man auf sie tritt. Da muss man nur die Ohren spitzen.« Die Mädchen kichern.<br />»Ihr wisst ja gar nichts«, ruft er freundlich. »Möchte nur mal wissen, wer euch solche Tüten gibt. Aber ich hab es eilig. Sagt der Frau Pensionatsleiterin bitte, dass sie das Brot auch nächstes Mal bezahlen kann.«<br />Er tritt das Motorrad an. Es lärmt und qualmt. Die Mädel winken mit den neuen Tütchen. Der Mann lenkt das Gespann in einem weiten Bogen über den Hof und verschwindet laut böllernd in einer gelben Wolke, die hinauf zum sommerblauen Himmel steigt.<br />
<br />Haus Ulmengrund<br />
<br />Lambarene<br />
<br />Mein Vater ist Arzt, meine Mutter Krankenschwester«, erzählte Reni flüsternd. »Sie arbeiten in Afrika und heilen Neger von seltenen Krankheiten, deshalb haben sie keine Zeit für mich und darum lebe ich hier mit euch zusammen in Haus Ulmengrund. Ich finde das nicht schlimm. Das Urwaldspital von Doktor Schweitzer* ist hundertmal wichtiger als ich.«<br />Mit diesen Sätzen begann sie fast jede ihrer Geschichten, nachdem eine der Erzieherinnen allen Mädchen eine Gute Nacht gewünscht und im Saal das Licht ausgeknipst hatte.<br />Reni redete so leise, dass nur ihre Freundinnen es hörten: Karin in dem Bett gleich über ihr, Janka und Friederike im linken, Monika und Hilde im rechten Etagenbett. Die anderen schliefen fest.<br />
<br />

Langtext
Ein provokanter und bewegender Jugendroman über die Hitler-Verehrung in der frühen NS-Zeit§Sommer 1936. Die 15-jährige Reni wird dazu auserwählt, Reichskanzler Hitler bei der Eröffnung der Olympischen Sommerspiele pressewirksam einen Blumenstrauß zu überreichen. Reni ist überwältigt - verehrt sie Hitler doch glühend. Der Führer scheint ihr der Inbegriff alles Guten und Gerechten, und nun soll sie - das Waisenkind - ihm von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten. Doch Reni ist gar kein Waisenkind, sondern die Tochter eines Grafen. Ihr Vater gehört zu den einflussreichsten Kreisen des aufstrebenden Nazi-Regimes und ist fest entschlossen, seine hübsche blonde und blauäugige Tochter künftig vorteilhaft einzusetzen. Reni kann ihr Glück kaum fassen - bis ihr Vater ihr rigoros den Umgang mit den sogenannten "Subjekten" verbietet. Damit meint er zum Beispiel Jockel, den Jungen, in den sich Reni bis über beide Ohren verliebt hat. Verzweifelt versucht Reni zu leugnen, dass in ihrer Welt plötzlich nichts mehr so hoffnungsvoll ist, wie es schien.§Zielschichtig, menschlich, zutiefst beeindruckend - erzählt vom einem "Meister der Zwischentöne".

Zitat aus einer Besprechung
"... eine dicke Empfehlung für jede Schulbibliothek als stimmige Ergänzung zu anderen Jugendromanen über die NS-Zeit – als Literacy-Tipp aber auch für den Geschichteunterricht."

Biografische Anmerkung zu den Verfassern
Jürgen Seidel wurde 1948 in Berlin geboren. Nach einer handwerklichen Ausbildung lebte er drei Jahre lang in Australien, Südostasien und Kanada, bevor er nach Deutschland zurückkehrte, das Abitur nachmachte und ein Studium der Germanistik und Anglistik mi


Schlagworte
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